Bitcoin-Miner unter Druck: Fallender Kurs, teurere Energie und warum viele lieber auf KI-Rechenzentren setzen
Tom
4/28/20267 min read
Bitcoin lebt nicht von allein.
Das Netzwerk wird von Minern abgesichert, also von Unternehmen und Betreibern, die riesige Mengen Rechenleistung bereitstellen und dafür Bitcoin als Belohnung erhalten. Nach außen wirkt das oft wie ein simples Modell: Maschinen laufen, Bitcoin kommt rein. In der Praxis ist das Geschäft aber absolut abhängig von drei Dingen: vom Bitcoin-Preis, von der Schwierigkeit im Netzwerk und von den Stromkosten. Wenn diese drei Faktoren gleichzeitig gegen dich laufen, wird Mining sehr schnell hässlich. Genau das passiert gerade.
Der Grunddruck war schon vorher da
Schon ohne zusätzlichen Energieschock war die Lage für viele Miner angespannt. CoinShares beschreibt das vierte Quartal 2025 als die schwierigste Phase seit dem Halving vom April 2024. Der durchschnittliche Cash-Kostenwert zur Produktion eines Bitcoin bei börsennotierten Minern lag bei rund 79.995 US-Dollar. Gleichzeitig fiel die sogenannte Hashprice, also der grobe Tagesumsatz pro Petahash Rechenleistung, erst auf etwa 36 bis 38 Dollar und dann im ersten Quartal 2026 weiter auf rund 28 bis 30 Dollar pro PH/s und Tag. CoinShares spricht von den engsten Margen seit dem Halving und davon, dass ältere oder mittlere Geräte bei typischen Industriestrompreisen teils schon unterhalb der Profitabilität laufen.
Das könnte man auch so übersetzen:
Ein Miner verdient nicht automatisch gut, nur weil Bitcoin „teuer“ aussieht. Entscheidend ist, ob die laufenden Einnahmen aus dem Mining hoch genug sind, um Strom, Infrastruktur, Personal, Wartung, Finanzierung und Abschreibungen zu decken. Wenn die Belohnung pro Recheneinheit sinkt, aber die Kosten nicht mitfallen, wird aus einem hübschen Geschäftsmodell schnell ein Überlebenskampf.
Jetzt kommt noch der Energieschock durch den Iran-Konflikt dazu
Der Konflikt rund um den Iran verschärft dieses Problem zusätzlich. Laut IEA ist der Krieg im Nahen Osten die größte Angebotsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts. Die IEA schrieb Mitte März, dass die Durchflüsse durch die Straße von Hormus von rund 20 Millionen Barrel pro Tag vor dem Krieg auf fast nichts gefallen seien. Brent sprang zeitweise in die Nähe von 120 Dollar pro Barrel und lag bei Veröffentlichung des Berichts noch immer rund 20 Dollar über dem Vormonat. Reuters berichtete außerdem über eine Einschätzung von J.P. Morgan, wonach Öl kurzfristig auf 120 bis 130 Dollar steigen und bei anhaltenden Störungen sogar über 150 Dollar klettern könnte.
Für Miner ist das nicht nur ein abstraktes Makro-Thema. Höhere Öl- und Gaspreise können Strommärkte direkt oder indirekt belasten. Selbst wenn der Strom eines Miners nicht 1:1 an den Ölpreis gekoppelt ist, steigen in einem solchen Umfeld typischerweise Systemkosten, Transportkosten, Absicherungskosten, Versicherungskosten und in vielen Regionen auch Großhandelspreise für Energie. Anders gesagt: Der Energieschock muss nicht jeden Miner sofort gleich hart treffen, aber er verschlechtert das Umfeld für eine Branche, die ohnehin schon auf Kante genäht ist.
Was große Miner gerade tun
Besonders spannend wird es, wenn man sich anschaut, wie große börsennotierte Miner reagieren.
Riot Platforms meldete für Q1 2026 eine Produktion von 1.473 BTC, einen Bestand von 15.680 BTC und den Verkauf von 3.778 BTC. Die Nettoerlöse aus diesen Verkäufen lagen bei 289,5 Millionen US-Dollar, der durchschnittliche Nettoverkaufspreis bei 76.626 Dollar pro Bitcoin. Das ist ein ziemlich klares Signal: Selbst große Player horten nicht einfach stoisch weiter, sondern schaffen aktiv Liquidität.
MARA Holdings ging noch deutlicher vor. Das Unternehmen meldete am 26. März den Verkauf von 15.133 BTC, um unter anderem rund 1 Milliarde Dollar an Wandelanleihen zurückzukaufen. CoinShares hatte zuvor bereits darauf hingewiesen, dass MARA seine HODL-Strategie aufweicht und Verkäufe aus der Reservebasis zugelassen hat. CoinShares nennt für MARA Stromkosten von 64.703 Dollar pro BTC im betrachteten Zeitraum und eine sehr hohe Abschreibungsbelastung, was zeigt, wie kapitalintensiv das Geschäft geworden ist.
IREN ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch vergleichsweise effiziente Betreiber nicht automatisch entspannt sind. CoinShares nennt für IREN zwar sehr niedrige Stromkosten pro BTC von 34.325 Dollar und Cash-Kosten von 58.462 Dollar pro BTC, aber gleichzeitig hohe Kapital- und Vergütungskosten. Parallel baut IREN sein AI-Cloud-Geschäft aggressiv aus; laut Investor’s Business Daily lag der AI-Cloud-Umsatz zuletzt bei 17,3 Millionen Dollar, während das Unternehmen seine Strom- und Infrastrukturplattform massiv erweitert.
Diese Beispiele zeigen: Die Branche ist nicht tot, aber sie reagiert bereits sichtbar auf Druck. Treasury-Verkäufe, Bilanzmanagement und strategische Umbauten sind kein Zufall, sondern Folgen eines härteren Umfelds.
Warum viele Miner jetzt lieber auf KI-Rechenzentren setzen
Genau hier wird der Schwenk Richtung KI und HPC (High-Performance Computing) interessant. CoinShares schreibt, dass viele Mining-Firmen sich gerade strategisch neu ausstellen und stärker in Richtung KI-Rechenzentren gehen.Öffentliche Miner haben laut dem Report inzwischen kumulierte AI/HPC-Verträge von über 70 Milliarden US-Dollar angekündigt. Außerdem könnten gelistete Miner bis Ende 2026 im Schnitt bis zu 70 Prozent ihrer Erlöse aus AI beziehen, gegenüber grob 30 Prozent heute. Der Grund ist ziemlich simpel: Hashprice und Mining-Margen sind zyklisch, volatil und teilweise brutal. Langfristige KI- oder HPC-Verträge liefern dagegen eher planbare, dollarbasierte und mehrjährige Cashflows.
Ein paar Beispiele:
Core Scientific hat mit CoreWeave seine HPC-Expansion stark ausgebaut. Laut Unternehmensmitteilungen wurden die Verträge schrittweise auf rund 500 MW HPC-Infrastruktur ausgeweitet; das potenzielle kumulierte Vertragsvolumen wurde dabei auf 8,7 Milliarden Dollar über 12 Jahre erhöht. Das ist aus Unternehmenssicht etwas völlig anderes als jeden Tag auf Hashprice, Difficulty und BTC-Kurs zu starren.
TeraWulf meldete für Ende 2025 bereits 522 MW an kontrahierter IT-Kapazität mit einem Umsatzpotenzial von über 12,8 Milliarden Dollar. Das Unternehmen spricht explizit von stabileren Cashflow-Eigenschaften durch diese Verträge.
Hut 8 hat im Dezember 2025 einen 15-Jahres-Deal über 245 MW mit einem Basisvertragswert von 7,0 Milliarden Dollar gemeldet. Im Februar 2026 beschrieb das Unternehmen seine Strategie offen als „power-first model“ und stellte die KI-Infrastruktur viel stärker in den Mittelpunkt.
Cipher Digital meldete Ende März einen dritten großen Rechenzentrums-Deal mit einem ganz großen Cloud- und Rechenzentrums-Kunden („Hyperscaler“) über 15 Jahre. Auch hier sieht man: Das Narrativ verschiebt sich weg vom reinen Mining hin zum Betrieb energieintensiver Recheninfrastruktur für zahlungskräftige Kunden.
Das Wichtige daran: Diese Firmen wenden sich nicht von Bitcoin ab, weil sie Bitcoin plötzlich doof finden. Sie reagieren auf Renditeprofile. Wenn dir ein KI-Kunde über Jahre kalkulierbare Dollar-Umsätze bringt, während Mining von Preis, Difficulty, Gebühren und Energiekosten abhängt, dann wirkt AI aus Managementsicht oft „sicherer“. Nicht risikofrei, aber planbarer. Genau deshalb spricht CoinShares inzwischen von einer Aufspaltung der Branche in klassische Mining-Firmen und Infrastruktur-/Datacenter-Firmen.
Auch „überschüssiger“ oder erneuerbarer Strom ist nicht automatisch immun
Das ist ein Punkt, den viele unterschätzen. Man hört oft: „Miner nutzen doch nur überschüssige Energie, abgefackeltes Gas oder Strom, der sonst verloren wäre.“ Das stimmt teilweise. Aber daraus folgt nicht, dass steigende Energiepreise für diese Betreiber egal sind.
Erstens: Überschüssiger Strom hat einen Alternativwert.
NREL beschreibt Curtailment, also das Abregeln von erneuerbarer Erzeugung bei Überangebot, nicht einfach als „wertlosen Reststrom“, sondern als Teil eines flexibleren Stromsystems. In einem angespannten Energiemarkt kann derselbe Strom, der gestern noch kaum etwas wert war, plötzlich für Speicher, Netzstabilisierung, Industrie oder andere flexible Verbraucher interessanter werden. Der Strom ist also nicht magisch kostenlos, sondern sein Opportunitätswert kann steigen. Das ist eine ökonomische Schlussfolgerung aus der stärkeren Knappheit im Gesamtsystem.
Zweitens: Miner leben oft auch von ihrer Flexibilität, nicht nur vom Dauerverbrauch.
ERCOT hat schon vor Jahren ein freiwilliges Curtailment-Programm für große flexible Verbraucher geschaffen, zu denen ausdrücklich auch Bitcoin-Mining-Facilities gehören. Die Logik dahinter: Diese Verbraucher können bei hoher Netzlast schnell runterfahren und so zur Netzstabilität beitragen. In einem stressigeren Energiemarkt wird diese Flexibilität wertvoller. Das heißt aber auch: Der Vergleich „mine ich weiter oder verkaufe ich meine Flexibilität bzw. nutze den Strom anders?“ wird schärfer. Wer also an günstigen, unterbrochenen oder lokal überschüssigen Stromquellen hängt, steht nicht außerhalb des Marktes, sondern mittendrin.
Drittens: AI-Rechenzentren konkurrieren um dieselbe Grundressource: Strom plus Standort plus Netzanschluss.
CoinShares schreibt ausdrücklich, dass KI-Anwendungen in vielen Rechenzentren inzwischen um Platz, Strom und Infrastruktur konkurrieren und das Mining langfristig stärker auf billige, intermittierende Energiequellen drängen könnte. Mit anderen Worten: Selbst wenn ein Miner heute eine gute Power-Story hat, steigt der Druck, wenn dieselbe Infrastruktur oder derselbe Strom in anderen Anwendungen besser monetarisierbar ist.
Was das für Cloud-Mining-Angebote bedeuten müsste
Und genau hier wird es für Cloud-Mining-Angebote unangenehm.
Wenn schon große Miner mit Einkaufsmacht, eigener Infrastruktur, Kapitalmarktzugang und professionellem Energiemanagement unter Druck geraten, dann wird das Grundgeschäft für den Endkunden nicht plötzlich besser, nur weil eine Plattform dazwischengeschaltet ist. Eher im Gegenteil. Der Cloud-Mining-Anbieter muss ja zusätzlich Vertrieb, Plattformkosten, Verwaltung, Marketing und eigene Marge verdienen. Wenn die echte Mining-Ökonomie schlechter wird, verschlechtert sich die Plausibilität solcher Angebote mit.
Bei Mining Race wird dieser Punkt noch sensibler. Die österreichische FMA warnte am 20. März 2026 ausdrücklich vor Geschäften mit Miningrid L.L.C. beziehungsweise Mining Race und erklärte, dass die Gesellschaft nicht berechtigt sei, bestimmte Angebote in Österreich zu vertreiben. Das ist bereits regulatorisch ein dickes Warnsignal. Dazu kommen die bekannten Fragen rund um Gebühren, Umverteilungen und Incentive-Strukturen. In einem Markt, in dem reale Mining-Margen ohnehin unter Druck stehen, muss man solche Modelle noch kritischer lesen als ohnehin schon.
Ökonomisch ist die Frage ziemlich simpel:
Wenn Profi-Miner wegen niedriger Hashprice, hoher Difficulty und Energiestress verkaufen, umschichten oder auf KI ausweichen, warum sollte ausgerechnet ein Endkunde über ein mehrstufiges Cloud- oder Community-Modell am Ende die schönere Rendite bekommen? Diese Frage wird mit jedem zusätzlichen Gegenwind unbequemer.
Fazit
Bitcoin-Mining ist 2026 kein kaputtes, aber ein hart umkämpftes Geschäft. Die Margen waren schon vor dem Iran-Konflikt unter Druck. Der zusätzliche Energieschock verschärft das Umfeld weiter. Große Miner verkaufen Bitcoin, restrukturieren Bilanzen oder schieben Kapital in AI- und HPC-Rechenzentren, weil dort die Erlösströme oft berechenbarer und stabiler wirken.
Selbst „billiger“, erneuerbarer oder überschüssiger Strom schützt Miner nicht automatisch vor einem schwierigeren Energiemarkt. Denn sobald Energie insgesamt knapper oder teurer wird, steigt oft auch der Wert von Flexibilität, Standort, Netzanschluss und alternativer Nutzung. Mining konkurriert also nicht nur mit anderen Minern, sondern zunehmend auch mit KI-Rechenzentren, Speichern und anderen Stromabnehmern.
Kurz gesagt:
Wenn selbst die Großen gerade vorsichtiger werden, Reserven verkaufen und lieber auf KI-Infrastruktur setzen, dann sollte man bei jedem Versprechen von „einfacher Mining-Rendite“ sehr hellhörig werden.
















