Der Staat muss Krypto nicht verbieten
Es reicht, wenn jede Bewegung gemeldet, bewertet und irgendwann besteuert wird
Tom
6/1/20268 min read


Lange war die große Angst in der Krypto-Welt ziemlich simpel:
Was, wenn Staaten Bitcoin und Co. einfach verbieten?
Diese Angst ist nicht komplett verschwunden. Sie taucht gerade bei Anfängern, oder Menschen die sich noch nicht so intensiv mit Krypto beschäftigt haben, immer wieder auf. Aber sie wirkt inzwischen fast ein bisschen altmodisch. Denn die spannendere Entwicklung läuft mittlerweile woanders.
Krypto wird nicht verboten. Krypto wird reguliert, gemeldet, überwacht, steuerlich eingefangen und Schritt für Schritt unattraktiver gemacht. Das klingt weniger dramatisch als ein Verbot. Das ist erstmal kein großes Donnerwetter. Kein schwarzer Bildschirm. Keine Schlagzeile nach dem Motto: “Bitcoin illegal.”
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Wenn man einen Markt nicht stoppen kann, kann man ihn immer noch komplizierter machen. Teurer. Bürokratischer. Unbequemer.
Genau danach sieht es in Europa gerade zunehmend aus.
Erst kam die Regulierung, jetzt kommt die Steuerfrage
Die EU diskutiert neue Einnahmequellen für den nächsten großen Haushalt 2028-2034. Dabei geht es nicht nur um klassische Themen wie Abgaben, Zölle oder Unternehmenssteuern. Es geht auch um digitale Dienstleistungen, Online-Glücksspiel und offenbar eben auch um Krypto.
Im Raum stehen verschiedene Modelle. Eine Möglichkeit wäre eine Steuer auf Krypto-Gewinne. Das kennt man vom Grundprinzip: Wer Gewinn macht, gibt einen Teil davon ab. Eine deutlich heiklere Variante wird aber auch diskutiert: eine Steuer auf Krypto-Transaktionen. Und das wäre schon ein riesiger Unterschied. Denn bei einer Gewinnsteuer ist der Ausgangspunkt, dass man etwas verdient hat. Bei einer Transaktionssteuer ist der Ausgangspunkt, dass man sich bewegt hat.
Kaufen, verkaufen, tauschen, umschichten, eine Bridge nutzen oder Positionen absichern. Schon die Bewegung selbst könnte so zum Kostenfaktor werden. Für jemanden, der einmal Bitcoin kauft und dann fünf Jahre nichts macht, klingt das vielleicht erstmal nicht dramatisch. Für aktive Trader, Market Maker, DeFi-Nutzer oder Leute, die regelmäßig zwischen Assets wechseln, wäre das aber eine komplett andere Nummer.
Denn dann zahlt man nicht erst, wenn man erfolgreich war. Man zahlt schon dafür, dass man überhaupt handelt.
Eine Steuer auf jeden Klick verändert den Markt
Man kann grundsätzlich über Steuern diskutieren. Denn natürlich braucht ein Staat Einnahmen und da ist es natürlich naheliegend, dass echte Gewinne korrekt versteuert werden sollten. Und natürlich ist Steuerhinterziehung kein Freiheitskampf.
Aber eine Transaktionssteuer trifft nicht nur die Gewinner. Sie trifft auch die, die falsch lagen. Das ist der unangenehme Teil. Man kann eine Position eröffnen, Gebühren zahlen, Spread zahlen, Slippage zahlen, am Ende Verlust machen und trotzdem wäre da theoretisch noch eine Abgabe auf die Bewegung selbst.
Das tötet Märkte nicht automatisch. Aber es verändert sie klar. Trading wird teurer. Die Liquidität kann sinken. Die Spreads können größer werden. Kleine Strategien lohnen sich weniger und häufiges Umschichten wird bestraft.
Gerade im Krypto-Markt ist das wichtig, weil dieser Markt nicht funktioniert wie ein klassisches Sparkonto. Krypto lebt von Bewegung und Arbitrage. Von Liquidität, DeFi und von Swaps. Und einfach von Netzwerken, die tatsächlich genutzt werden. Wenn man jede Bewegung teurer macht, trifft man nicht nur die angeblichen Zocker. Man trifft auch die Nutzbarkeit. Das wird politisch natürlich anders verkauft. Da geht es dann um faire Beiträge, einheitliche Regeln, mehr Klarheit und eine bessere Finanzierung Europas.
Das klingt viel vernünftiger und nachvollziehbarer. Aber Klarheit hilft wenig, wenn am Ende jeder Klick teurer wird.
DAC8: Die Datenbasis entsteht schon
Man sollte diese Steuerdiskussion nicht isoliert betrachten. Denn parallel läuft auf EU-Ebene bereits DAC8. Das ist eine Erweiterung der europäischen Steuerzusammenarbeit auf Krypto-Assets.
Krypto-Dienstleister müssen seit diesem Jahr Daten zu meldepflichtigen Krypto-Transaktionen sammeln. 2027 sollen diese Informationen dann an Steuerbehörden gemeldet und zwischen den EU-Staaten ausgetauscht werden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede Krypto-Transaktion morgen höher besteuert wird. Aber es bedeutet: Die technische und bürokratische Grundlage entsteht. Und das ist entscheidend. Früher war Krypto für viele Finanzämter schwer greifbar. Menschen hatten Accounts auf ausländischen Börsen, Self-Custody-Wallets, mehrere Chains, DeFi-Protokolle, NFTs, Staking, Lending, Bridges und irgendwelche Token, deren Namen klingen wie ein WLAN-Passwort. Das war für Behörden schwer zu sortieren. Jetzt aber wird sortiert. Erst MiCA, dann DAC8, “bessere” Meldepflichten, mehr Daten und irgendwann die Frage: Was kann man daraus steuerlich machen?
Das ist kein Zufall. Das ist Verwaltung. Und Verwaltung ist manchmal mächtiger als jedes Verbot.
Deutschland und die 1-Jahres-Haltefrist
Ein artverwandtes Thema, wenn auch ein bisschen anders: in Deutschland gibt es bislang für viele private Krypto-Anleger einen großen Vorteil: die 1-Jahres-Haltefrist.
Ganz vereinfacht gesagt bedeutet das: wer Kryptowährungen privat kauft und nach mehr als einem Jahr mit Gewinn verkauft, kann diesen Gewinn nach aktueller Rechtslage steuerfrei realisieren. Und diese Regel ist für viele Anleger extrem wichtig. Sie ist einer der Gründe, warum langfristiges Halten in Deutschland steuerlich attraktiv ist. Aber genau diese Regel steht politisch unter Druck. Zuletzt gab es einen Gesetzentwurf der Grünen, mit dem die Haltefrist für Kryptowerte abgeschafft werden sollte. Kryptogewinne sollten dann unabhängig von der Haltedauer mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuert werden.
Der Entwurf ist nicht einfach Gesetz geworden. Im Finanzausschuss wurde die Ablehnung empfohlen. Aber das ist nur teilweise beruhigend. Der wichtige Punkt ist: Die Debatte ist da. Und sobald eine Steuerregel einmal politisch als “Gerechtigkeitslücke” bezeichnet wird, sollte man nicht mehr davon ausgehen, dass sie für immer unantastbar bleibt. Denn genau so beginnt es meistens. Erst ist es eine Sonderregel, dann eine Ungleichbehandlung, dann eine Steuergestaltung. Schließlich ist es eine Lücke und irgendwann ist es ein Problem, das “geschlossen” werden muss.
Das bedeutet nicht, dass die Haltefrist morgen fällt. Aber sie ist politisch nicht mehr nur eine technische Randnotiz. Sie ist ein Ziel.
Die Niederlande zeigen, wohin es gehen kann
Noch interessanter wird es beim Blick in die Niederlande. Dort wird über eine Reform der sogenannten Box-3-Besteuerung diskutiert und ist bereits durch die zweite Kammer abgenickt worden. Box 3 betrifft Vermögen, also zum Beispiel Ersparnisse, Investments, Zweitimmobilien und auch Kryptowährungen.
Mit der Reform soll stärker auf tatsächliche Erträge geschaut werden und das klingt erstmal fairer als pauschale Annahmen. Aber der Teufel steckt im Detail. Denn zu diesen tatsächlichen Erträgen können auch Wertentwicklungen gehören. Also Wertsteigerungen, die auf dem Papier entstehen, ohne dass man verkauft hat.
Und damit sind wir bei einem sehr unangenehmen Thema: unrealisierte Gewinne.
Ein Beispiel: Jemand kauft Bitcoin. Der Kurs steigt stark, aber der Käufer hält weiter und verkauft nicht. Er hat also keinen Euro auf sein Bankkonto bekommen. Trotzdem ist sein Vermögen auf dem Papier gewachsen.
Wenn so ein Wertzuwachs jetzt aber steuerlich berücksichtigt wird, entsteht sofort die praktische Frage, womit man die Steuer bezahlen soll. Natürlich könnte der Staat sagen: “Dann verkauf halt einen Teil.” Aber genau das ist der Eingriff. Man würde indirekt gezwungen, Liquidität zu schaffen, obwohl man vielleicht bewusst langfristig halten will. Bei Aktien ist das schon diskutabel. Bei Krypto ist es aber noch extremer.
Denn Krypto kann brutal schwanken. Was heute wie ein großer Gewinn aussieht, kann in drei Monaten halbiert sein. So ein Papiergewinn fühlt sich im Bullrun schön an. Aber Papiergewinn bezahlt keine Steuerrechnung (oder irgendetwas anderes), solange man ihn nicht realisiert hat.
Nein, das ist nicht einfach “36 Prozent auf dein ganzes Depot”
Viele Beiträge im Netz stellen die niederländische Debatte so dar, als würden einfach 36 Prozent vom gesamten Depot kassiert. Aber das ist zu platt.
Es geht nicht darum, dass jemand pauschal mehr als ein Drittel deines kompletten Krypto-Bestands nimmt. Es geht um die Besteuerung von Erträgen im Box-3-System. Der kritische Punkt ist also nicht „36 Prozent auf alles“, sondern die Frage, was als Ertrag gilt. Wenn Wertsteigerungen ohne Verkauf dazugehören, wird es brisant. Denn dann verschiebt sich die Steuerlogik. Es zählt nicht mehr nur das, was man tatsächlich aus dem Markt herausgeholt hat. Sondern auch das, was das Vermögen rechnerisch wert ist. Das ist ein massiver Unterschied.
Gerade bei Krypto, wo viele Anleger bewusst langfristig halten, ist das ein Problem. Denn der Staat behandelt dann unter Umständen einen Buchgewinn so, als wäre er schon echtes Geld. Aber ein Screenshot vom Portfolio ist kein Einkommen.
Vom Verbot zum “unattraktiv machen”
Krypto wird also nicht einfach verboten. Aber Europa baut einen Rahmen, in dem Krypto immer weniger wild, immer weniger steuerlich attraktiv und immer stärker kontrollierbar wird.
Das kann man gut finden, wenn man vor allem Betrug, Geldwäsche und Steuerhinterziehung sieht. Man kann es kritisch sehen, wenn man Krypto als Ausweg aus einem überregulierten Finanzsystem betrachtet. Und vermutlich steckt auch beides drin.
Der Markt hatte genug Dreck. Scams, Rug Pulls, Schattenbörsen, Fake-Renditen, Casino-Mentalität. Niemand muss so tun, als sei Krypto ein reiner Garten voller Idealisten. Aber man sollte auch nicht so tun, als gehe es dem Staat nur um Verbraucherschutz. Es geht um Geld. Wenn in einem Markt Milliarden bewegt werden, wird dieser Markt irgendwann fiskalisch interessant und das war bei Krypto nur eine Frage der Zeit.
Erst wurde Krypto belächelt, bekämpft, dann reguliert und von Banken und ETFs integriert. Und jetzt wird geschaut, wie man es besteuern kann. Das ist eigentlich die natürliche Reihenfolge.
Die gefährliche Bequemlichkeit der Meldepflicht
Der kritischste Punkt ist nicht eine einzelne Steuer, nicht die mögliche EU-Transaktionssteuer, nicht die niederländische Box-3-Reform und auch nicht die deutsche Debatte um die Haltefrist. Der kritischste Punkt ist die Kombination.
Denn wenn Daten einmal zentral gesammelt werden, entstehen neue Möglichkeiten.
Heute ist es Transparenz. Morgen heißt es: “Wir haben die Daten, also können wir genauer besteuern.” und übermorgen heißt es: “Wir müssen nur noch die Regeln anpassen”.
Das ist keine wilde Fantasie. Das ist politische Normalität. Wer eine Datenbasis schafft, schafft Handlungsoptionen. Deshalb ist DAC8 so wichtig. Nicht, weil DAC8 allein schon die große Steuerkeule ist. Sondern weil DAC8 die Grundlage dafür schafft, dass Krypto steuerlich viel besser sichtbar wird. Sichtbarkeit als erster Schritt, Besteuerung als der zweite.
Was bleibt vom ursprünglichen Krypto-Versprechen?
Krypto wurde groß mit einigen Versprechen: Werte selbst halten, ohne Bank senden und Teil eines offenen Netzwerks sein. Alles ohne Erlaubnis für jede Bewegung.
Diese Versprechen verschwinden durch Steuern nicht automatisch. Aber sie werden kleiner, wenn jede Bewegung meldepflichtig, dokumentationspflichtig und steuerlich riskant sind. Aus Freiheit wird Buchhaltung, aus Selbstverwahrung ein Formularproblem. Aus DeFi wird so schnell ein Albtraum für die Steuererklärung. Und irgendwann nutzen viele Menschen Krypto nur noch über regulierte Anbieter, weil alles andere zu kompliziert wird.
Das wäre aus Sicht der Behörden vermutlich sogar bequem. Krypto bleibt erlaubt. Aber bitte sauber verpackt. Überwachtd, dokumentiert, steuerlich verwertbar und möglichst nicht mehr zu wild.
Das ist kein Grund für Panik
Man muss daraus keine Panik machen. Die EU-Transaktionssteuer ist nicht beschlossen. Die deutsche Haltefrist ist noch da. Die niederländische Reform ist politisch umstritten und noch nicht final in der praktischen Ausgestaltung.
Aber man sollte auch nicht naiv sein, denn die Richtung ist erkennbar. Krypto ist nicht mehr die kleine Nische, die man ignorieren kann. Es ist ein Markt mit echten Vermögen, echten Unternehmen, echten Steuerdaten und echten politischen Interessen.
Je größer Krypto wird, desto stärker wird der Staat versuchen, diesen Markt einzufangen. Nicht unbedingt mit einem Verbot, sondern mit Regeln.
Der Staat muss Krypto nicht verbieten
Vielleicht ist das die eigentliche Lektion. Der Staat muss Krypto nicht verbieten, wenn er es teuer, kompliziert und meldepflichtig genug machen kann. Er muss Bitcoin nicht abschalten (davon ab, dass das einfach nicht möglich ist). Er muss nur dafür sorgen, dass jede Bewegung sichtbar wird. Er muss auch DeFi nicht komplett verbieten, aber er kann dafür sorgen, dass die Nutzung steuerlich so anstrengend wird, dass normale Menschen irgendwann kapitulieren.
Langfristiges Halten muss nicht direkt bestraft werden, aber steuerliche Vorteile können Stück für Stück zur politischen Streitfrage werden. Krypto muss nicht als Feind behandelt, sondern kann einfach als Einnahmequelle betrachtet werden.
Das ist weniger spektakulär als ein Verbot. Aber vielleicht viel wirksamer. Denn am Ende wird Krypto dann nicht gestoppt. Es wird gezähmt.










