Warum eine Krypto-Börse die Haltefrist kippen wollen könnte

Und was Österreich uns darüber verrät

Tom

9/1/20266 min read

Die Einjahresfrist klingt für die meisten Anleger wie ein Geschenk: Bitcoin oder andere Kryptos länger als ein Jahr halten, dann steuerfrei verkaufen. Wer das versteht, stellt sich vielleich auch die Gegenfrage: warum eine Börse so etwas abschaffen wollen würde? Die Kunden würden doch wütend.

Aber eine Börse denkt nicht zuerst in Steuergerechtigkeit. Sie denkt in Gebühren, Kundenbindung und Aufwand. Und genau da kann aus einer Steuerfrage ein Geschäftsmodell werden. Stand September 2026 gilt die Frist in Deutschland noch. Es gibt politische Absichtserklärungen, aber kein beschlossenes Gesetz. Trotzdem lohnt sich der Blick hinter die Kulissen, vor allem vielleicht auch nach Österreich. Dort ist das Experiment nämlich schon gelaufen.

Zuerst das Einfache: Was die Haltefrist macht – und was nicht

In Deutschland gelten privat gehaltene Kryptowährungen bisher wie Gold oder Fremdwährungen, nicht wie Aktien. Wer innerhalb eines Jahres verkauft, zahlt seinen persönlichen Einkommensteuersatz (also bis zu 45%). Wer länger als ein Jahr hält und dann verkauft, zahlt auf den Gewinn null.

Die Uhr hängt dabei am Kauf und Verkauf, nicht am Ort. Ob die Coins auf einer Börse liegen oder auf deiner eigenen Wallet, ändert an der Frist nichts. Ein Transfer von der Plattform auf die Hardware-Wallet ist in der Regel kein Verkauf. Die Haltedauer läuft einfach weiter. Wer Self-Custody will, zieht die Coins deshalb meist sofort ab. Aus Sicherheitsgründen, nicht aus Steuergründen. Wer sie auf der Börse lässt, macht das aus Bequemlichkeit, wegen eines Sparplans oder weil er handeln will.

Die Frist steuert also nur eins: Wann sich ein Verkauf steuerlich lohnt. Nicht, wo die Coins schlafen.

Trotzdem gibt es möglicherweise vier Interessen, die eine Börse trotzdem haben kann. Denn nicht jede Plattform tickt gleich. Ein Bitcoin-only-Broker mit Sparplan-Kunden denkt anders als ein Handelsplatz, der von den Tradern lebt. Trotzdem gibt es wiederkehrende Anreize.

1. "Steuereinfach" bindet Kunden besser als eine Frist

Fällt die Frist und Kryptos werden wie Aktien besteuert, kann die Börse die Steuer automatisch einbehalten und ans Finanzamt schicken. In Österreich heißt das KESt, in Deutschland wäre es die Abgeltungsteuer. Für viele klingt das sogar verführerisch, denn du musst dich um nichts kümmern.
Für die Börse ist es ein Produktvorteil. Wer auf der Plattform verkauft, ist steuerlich praktisch "fertig". Wer selbst verwahrt, über mehrere Börsen verteilt oder im Ausland handelt, muss wieder selbst rechnen.

Das ist der eigentliche Lock-in. Nicht: "Bitte lasst die Coins ein Jahr bei uns rumliegen.", sondern: "Der bequeme Weg führt nur noch über uns."
So in der Art wirbt z.B. Bitpanda in Österreich seit 2024: Steuern berechnen, einbehalten, abführen - du konzentrierst dich aufs Investieren.

2. Die Frist bremst Verkäufe im ersten Jahr und erzeugt sie danach

Eine Börse verdient am Umsatz, nicht am Liegenlassen. Unter der heutigen Regel gilt grob in Jahr eins: Viele halten die Finger still, weil ein Verkauf teuer besteuert werden könnte. Nach zwölf Monaten wird der Verkauf steuerfrei. Dann machen manche Kasse, die vorher gewartet haben. Kippt die Frist, fällt beides. Die Bremse im ersten Jahr ist weg, Umschichten und Teilverkäufe werden steuerlich "egal". Gleichzeitig fällt auch der Moment "Jetzt darf ich steuerfrei verkaufen". Stattdessen stehen dauerhaft ~25 Prozent im Raum.

Für die Börse kann das trotzdem attraktiv sein: weniger Warten, mehr laufende Bewegung. Ob unterm Strich mehr Gebühren entstehen, hängt vom Kundentyp ab. Bei Tradern vielleicht eher ja. Bei Leuten, die zehn Jahre HODLn und irgendwann einmal steuerfrei verkaufen wollten, eher nein.

3. Eine pauschale Steuer ist für die Software bequemer

Das deutsche System ist für Plattformen einfach unbequem. Coin-zu-Coin-Tausch setzt die Frist neu. Staking hat eigene Töpfe. Wer Coins raus- und wieder reinüberweist, macht die Historie löchrig. FIFO (=first in, first out), Anschaffungsdaten, mehrere Wallets: Das ist Steuerchaos für dich und für den Support.

Eine pauschale Quellensteuer wie bei Aktien ist für die IT sauberer. Ein Verkauf gegen Euro, ein Satz, fertig. Vor allem seit 2026, weil Börsen Transaktionen ohnehin an die Finanzämter melden müssen (DAC8). Einfacher für die Börse heißt nicht automatisch einfacher für dich. Sobald Coins die Plattform verlassen, bist du wieder selbst zuständig. Österreich zeigt das sehr deutlich.

4. Es gibt Profiteure neben der Börse

Der Bitpanda-Gründer Eric Demuth hat später selbst gesagt, in Österreich seien vor allem Krypto-Steuer-Startups und deren Beratungsumfeld treibend gewesen, mit hohen Einnahmeschätzungen für den Staat und einem Geschäftsmodell, das von komplexer Steuererklärung lebt.

Das klingt paradox, ist es aber nicht. Ein Systemwechsel erzeugt zuerst Chaos: Altbestand, Neubestand, fehlende Anschaffungskosten, Wallet-Transfers. Genau da können Report-Tools und Steuerberater verdienen. Eine Börse, die danach die Steuer automatisch einbehält, verdient an Bequemlichkeit. Beide Seiten können denselben Reformzug wollen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Der Blick nach Österreich: das fertige Experiment

Seit dem 1. März 2022 gilt in Österreich die ökosoziale Steuerreform für Krypto.

Vereinfacht heißt das,  Krypto ist Kapitalvermögen, nicht mehr Spekulationsgeschäft. Gewinne auf Neubestand (Kauf ab 1. März 2021) kosten 27,5 Prozent KESt, egal ob nach drei Wochen oder fünf Jahren. Der Altbestand vor diesem Stichtag bleibt nach alter Logik steuerfrei. Auch Krypto gegen Krypto tauschen ist steuerfrei. Eine Steuer fällt erst an, wenn du in Euro, Ware oder Dienstleistung gehst.

Seit 1. Januar 2024 müssen inländische Anbieter die Steuer automatisch einbehalten. Politisch wurde das als Modernisierung verkauft: Krypto wie Aktien, klarer Satz, weniger Wildwuchs. Für Trader mit hohem persönlichem Steuersatz war 27,5 Prozent sogar günstiger als die alte Spekulationssteuer. Der Preis war die abgeschaffte Belohnung fürs lange Halten.

Und die Staatskasse? Für 2024 weist Österreich die Krypto-KESt separat aus: rund 34 Millionen Euro. Das ist nicht nichts. Es ist aber auch nicht die Milliardenwelle, mit der solche Reformen oft begründet werden.

Welche Rolle haben Broker dort gespielt?

Hier müssen wir trennen zwischen Gesetz machen und Gesetz ausführen. Das Gesetz hat das Parlament gemacht. Börsen schreiben logischerweise keine Steuergesetze. Sie sitzen aber in den Gesprächen davor und bauen danach die Maschine, ohne die das neue System im Alltag nicht funktioniert.

Österreich hat den KESt-Abzug für inländische Krypto-Dienstleister gesetzlich vorgeschrieben. Bitpanda als großer Wiener Anbieter war der natürliche Umsetzer. Ab 2024 rechnet die Plattform die Steuer, behält sie ein und überweist sie. Andere sind nachgezogen: 21bitcoin, Coinfinity, später auch Trade Republic und Bybit EU für österreichische Kunden.

Das ist die sichtbare Rolle: Steuereintreiber im Auftrag des Staates. Wer das kann, wird plötzlich Teil der Finanzinfrastruktur, näher an einer Bank als an einem Hobby-Marktplatz.

Dazu kommt die unsichtbare Rolle. Demuth hat 2026 öffentlich gemacht, dass es über ein Jahr Hintergrundtermine gab, „"wie das bei solchen Themen üblich ist". Rückblickend, sagte er, hätte er sich früher und klarer gegen die Abschaffung der Frist stellen sollen. Die Entscheidung selbst nannte er sogar "extrem dumm": wegen mehr Bürokratie, mehr Komplexität, kaum Nutzen für den Staat und intern gebundene Entwicklerressourcen, die bei anderen Produkten fehlten.

Das ist die ehrlichste Aussage, die man aus der Branche zu dem Thema hat. Sie sagt zwei Dinge gleichzeitig. Einmal, dass Broker in dem Prozess nicht unbeteiligt waren und der, der das österreichische Modell später am sichtbarsten ausführen musste, hält es im Nachhinein für einen Fehler.

Wer nur die Werbebroschüre "steuereinfach" liest, sieht vielleicht den Komfort. Wer Demuth zuhört, sieht die Rechnung danach.

Was man daraus vielleicht mitnehmen sollte

Eine Börse ist kein Steuerverein. Sie darf ein Interesse haben. Wir müssen es nur erkennen. Wenn die Frist in Deutschland fiele, wären die Gewinner nicht einfach nur der Staat oder "die Gerechtigkeit". Gewinner wären möglicherweise auch Plattformen, die Steuerabzug als Feature verkaufen können. Verlierer wären vor allem Leute, die klein und lange sparen, also genau die Gruppe, für die die Frist gedacht war.

Österreich zeigt außerdem eine Falle: "Steuereinfach" gilt nur, solange du auf der Plattform bleibst und dort verkaufst. Selbstverwahrung, mehrere Börsen, alte Transfers, dann bist du wieder selbst zuständig. In Deutschland wäre das noch schärfer, weil hier viel mehr Menschen internationale Plattformen und Hardware-Wallets nutzen als in Österreich, wo Bitpanda einen sehr großen Anteil hat.

Und vielleicht noch ein Satz zur Einordnung: Es gibt Plattformen, die sich in Deutschland ausdrücklich für die Frist starkmachen. BISON hat das öffentlich gemacht. Relai, 21bitcoin und Coinfinity werben mit der österreichischen Erfahrung gegen eine Kopie. Interesse ist nicht gleich Meinung der ganzen Branche.

Die Frage ist also nicht ob Börsen böse sind, die nützliche Frage ist: Wer daran verdient, wenn aus einem Jahresregeln-System ein Dauersteuer-System mit automatischem Abzug wird?

Die Petition zum Erhalt der Jahresfrist läuft noch bis Mitte September (15.09.2026). Jede Stimme zählt. Bitte stimme auch du ab, das jetzige System in der Bundesrepublik Deutschland beizubehalten:

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_05/_30/Petition_201716.nc.html

Dieser Artikel ist wie alle meine Inhalte keine Anlageberatung und auch keine Steuerberatung. Es ist meine Sicht und mein Verständnis der Dinge. Bitte macht zu allen Themen immer eure eigene Recherche.

Keine Anlageberatung. Inhalte dienen der Information, Einordnung und Unterhaltung.